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Mittwoch, 16. Juli 2003 10:18 |
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Neben den Projektarbeiten wurden im Seminar neue Fragen aufgeworfen. Es hat gezeigt, dass die Veröffentlichung von Literatur im Internet für Autoren, Herausgeber, Verlage und sonstige Akteure zu weiteren Fragestellungen führt bzw. schon früher gestellte Fragen in den Vordergrund rückt. Einige Beispiele: Das Internet ist in erster Linie ein Informationsmedium Man sagt, im Internet kann man sich über alles "informieren". Kann das überhaupt ein Medium für die Verbreitung von Literatur sein? Konterkariert nicht "Information" die Intentionen eines literarischen Autors? Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte Dies ist das Hauptargument für Web-Designer, möglichst viele Bilder oder Graphiken für ihre Webseiten zu verwenden, um die Intentionen zu verdeutlichen. "Aber dann kann ich ja einpacken!" sagt der Autor. "Dann werde ich ja überflüssig oder eindeutig und festnagelbar oder vielleicht fehlinterpretiert". Wozu soll ich meinem Roman / meinen Gedichten Bilder hinzufügen? Reichen meine Worte nicht? Der wirtschaftliche Aspekt der Publikation von Literatur im Web Zur Zeit ist es noch so, dass ein literarischer Internetautor, also ein Autor, der für das Web Romane oder andere schöngeistige Literatur schreibt, beim derzeitigen Stand der Dinge dafür keine Bezahlung erwarten kann, was eine Erklärung dafür sein könnte, dass noch wenige (Berufs-)Autoren im Web veröffentlichen. Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche literarische Internetveröffentlichungen durch unbekannte Autoren, was darauf zurückzuführen sein kann, dass die traditionelle Qualitäts-/Wirtschaftlichkeitskontrolle durch die Verlage (Herausgeber, Lektoren) entfällt. Diese Diskrepanz wird sich dann vermindern, wenn Literaturveröffentlichungen im Web auf eine wirtschaftliche Basis gestellt werden. Das soll nicht heißen, dass der positive Aspekt des derzeitigen Standes der Entwicklung, dass nämlich ohne die bisherigen Restriktionen veröffentlicht werden kann, in Zukunft entfällt. Das Netz gehört allen Dieses Konzept stand am Anfang der Entwicklung des Internet, seine Quintessenz hat den Erfolg des Internet erst möglich gemacht, nämlich die Bereitschaft, freiwillig und unentgeltlich und oft unter Ausbeutung der eigenen Arbeitskraft alles verfügbare Wissen ins Netz zu stellen und zu sagen: "Bitte sehr! Das darf jeder wie auch immer verwenden!" Jetzt, da das Internet etabliert ist und die kommerziellen Interessen zu überwiegen beginnen, wird diese Haltung des "Wir müssen das Netz groß und stark machen mit unserer (freiwilligen) Arbeit" zumindest relativiert werden. Jeder Netzautor muß bei allem, was er ins Netz gibt, fragen: "Wem gehört das? Darf ich das auf meinen Webseiten verwenden?" Nicht ohne weiteres darf man, z.B., um die Eingangssequenz des Romans "Die Leidinger Hochzeit" von Alfred Gulden zu illustrieren, das Gemälde "Kirche in Murnau" von Wassili Kandinsky abbilden (das Gulden zu eben dieser Passage inspiriert hat), weil Kandinsky noch nicht 70 Jahre tot ist (Urheberrecht)und seine Erben über die Nutzungsrechte seines Werkes verfügen, die wiederum die VG Bild-Kunst verwaltet. Das ist natürlich kein internet-spezifisches Problem, aber eines, das durch die leichte Verbreitung / Verbreitbarkeit digitalisierter Bilder, Texte, Tonaufnahmen über das Internet außerordentlich virulent geworden ist, so dass man Webdesignern fast raten möchte, im Zweifelsfall nur "eigene" Texte und Bilder zu verwenden. Die Problematik der Manipulation von künstlerischen Werken Digitalisierung, Text- und Bilderverarbeitung und elektronisches Publizieren machen es heute sehr einfach, jede Art von künstlerischer Äußerung zu vervielfältigen, zu manipulieren, zu verfremden, ja zu stehlen ... Es war zudem bisher üblich, dass Autoren die Präsentation ihrer Werke (Schrifttypen, Seitenumbruch, Illustrationen etc.) mit dem Herausgeber absprachen, um sicher zu sein, dass die Werke auch so präsentiert wurden, wie sie vom Autor gedacht waren. Wie sicher kann sich ein Autor heute jedoch sein, dass er sich nicht im Internet einer Darstellung seines Werkes, sei es ein Gedicht, eine Kurzgeschichte oder ein Film, gegenübersieht, die seinen ursprünglichen Intentionen ggf. sogar entgegengesetzt ist?
Angesichts der Probleme des Publizierens von Literatur im Worldwide Web kann man sich durchaus fragen, welche Anreize es denn überhaupt gibt, die Probleme zu lösen. Macht es also für einen künstlerischen Autor Sinn, sich des Internets als Medium und Instrument zu bedienen? Literatur wird reicher Einer der Gründe, sich mit dem Internet zu befassen, war zumindest für Alfred Gulden die Erwartung, Literatur könne durch Bilder, Musik, Verbindungen zu anderen Texten 'angereichert' werden. Dies könnte insbesonders dann gelten, wenn es um komplexere Themenbereiche wie 'Grenze und Globalisierung' oder 'Welt und Winkel' geht, die durch einen einzelnen Text oder auch eine Textsammlung nur unzureichend beschrieben werden können. Man kann also mit diesem Instrumentarium verschiedene Sichten, unterschiedliche Medien zusammenführen, die sonst vielleicht nie zusammenkämen. So wie bereits der Segelflieger in der 'Leidinger Hochzeit' einen größeren Weltausschnitt vor Augen hat als der Fotograf auf der Landstraße im gleichen Roman, so kann ein größerer Zusammenhang dargestellt, können Grenzen verwischt werden. Die Welt ist fragmentarisch ... und das Internet ist ihr Abbild. Dies ist ein erstes Fazit, das in der Diskussion mit Gulden gezogen wurde. Es gibt keine einheitliche (heile) Welt. Der Künstler knüpft an dem roten Faden durch diesen Irrgarten, und wo könnte er das besser als im Internet mit seinen hybriden Präsentationsmöglichkeiten? Die Bilder im Kopf Was oben als Problem genannt wurde, kann ebenso gut zu einem Gewinn umgemünzt werden: wenn der Autor will, dass sein Text mit bestimmten Bildern verknüpft wird, wenn er illustrieren will, läßt sich dies im WWW besonders leicht bewerkstelligen. Das Netz gehört allen ... und wenn darunter viele sind, die nur selten eine Bücherei oder eine Buchhandlung von innen sehen, ist die Chance groß, ganz neue Leserschichten an Literatur heranzuführen, da diese von einem Medium transportiert wird, das ihnen zusagt. Hyperfiction: Interaktion pur Was für das sogenannte interaktive Fernsehen (D-Box) gilt, läßt sich noch wesentlich überzeugender durch "Hyperfiction" im Netz realisieren: das selbstbestimmte Navigieren durch multimediale Angebote. Der Internet-Leser, -Schauer und -Hörer wird selbst zum Autor, wenn er seinen Weg durch ein Werk selbst wählt, indem er nach Belieben Textquerverweisen folgt, Textbausteine selbständig zusammensetzt und zusätzliche Informationen oder Illustrationen abruft. Kombination Internet / Printmedien Es läßt sich ein Szenario vorstellen, in dem traditionelle und neue Medien miteinander existieren, wobei jedes Medium dafür eingesetzt wird, wofür es geschaffen wurde: das Buch zum Lesen und das Internet zur Informationsgewinnung. Zunächst einmal kennen wir auch von Büchern verschiedene Möglichkeiten, die Leser über den eigentlichen Stoff hinaus zu informieren: Indizes, Glossare, Fußnoten, Landkarten, Stadtpläne, Inhaltsverzeichnisse ... All dies läßt sich erst auf einem elektronischen Medium optimal nutzen, und es treten hier noch weitere Informationsfunktionen hinzu, wie z.B. die sogenannte "Volltextsuche", mit der man im Text nach dem Vorkommen bestimmter Begriffe oder Namen suchen kann. Diese Hilfsmittel gestatten es dem Leser ('Nutzer'), während des Lesens ohne große technische Mühe Details zu rekapitulieren, die für das Verständnis wichtig sind und die evtl. beim Lesen verloren gegangen sind. So wurde z.B. für Guldens 'Leidinger Hochzeit' ie Möglichkeit geschaffen, über die Sitzordnung der Hochzeitsgesellschaft in der Kirche und an der Hochzeitstafel jederzeit Kurzbeschreibungen (Lebensweg, Verwandtschaftsverhältnisse) der Personen abzurufen.
Die Standards für das Publizieren, die sich über Jahrhunderte ausgebildet haben, müssen nach und nach auf das gleichsam über Nacht entstandene Medium Worldwide Web angewandt oder übertragen werden (vgl. den Beitrag über Webpublishing). Was in der 'wilden Zeit' des WWW galt, widerspricht in vielem den Regeln und Verfahrensweisen der Buchpublikation: Während an einer Buchproduktion neben dem Autor - v.a. auch zur Qualitätssicherung - noch ein Herausgeber(-gremium), Verleger, Grafiker, Setzer beteiligt sind, werden Produktionen für das WWW noch oft von einer Person allein erstellt. Mit dem Copyright wurde bislang oft nachlässig umgegangen. Webautoren lassen sich zuweilen von der eigenen Begeisterung über die 'Möglichkeiten des Mediums' davontragen, ohne sich Fragen zu stellen wie z.B.: Für wen erstelle ich diese Webseiten? Was will ich damit erreichen? Welche Mittel setze ich dazu ein? Fragen, die sich jeder Buchautor stellt (oder sein Verleger stellt sie ihm). Die beiden Seminare mit Alfred Gulden haben Lösungswege für die genannten Probleme aufgezeigt, die zusammen mit dem Autor entwickelt und erprobt wurden. Die realisierten Projekte sind vorerst nur als Illustration der oben genannten Fragen und Antworten zu verstehen, aber sie zeigen in einem ersten Ansatz die Möglichkeiten des neuen Mediums.
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