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Titel: Gli italianismi della danza nella lingua francese dal XV al XVII secolo
VerfasserIn: Perla, Luisa Adriana
Sprache: Italienisch
Erscheinungsjahr: 2021
DDC-Sachgruppe: 400 Sprache, Linguistik
440 Französisch, romanische Sprachen allgemein
450 Italienisch, Rumänisch, Rätoromanisch
Dokumenttyp: Dissertation
Abstract: Das Thema der Italianismen ist in diachroner Perspektive sehr intensiv untersucht worden und liegt noch heute im Zentrum des wissenschaftlichen Diskurses (für eine detaillierte Bibliographie vgl. Lupis/Pfister 2001, 86-88; Serianni 2008, 20-22). Die zahlreichen Publikationen stellen einen klaren Beweis der noch aktuellen Relevanz des Bereiches und der verschiedenen Perspektiven dar, von welchen ausgehend das Phänomen zu beobachten wird. In der sprachgeschichtlichen Literatur findet sich jeweils eine ausführliche Behandlung des Italienischen (oder von einigen volgari italoromanzi) außerhalb Italiens in einem immer breiteren Spektrum von Domänen und Sprachgebieten. Für einzelne Epochen und fachspezifische Gebiete fehlen aber noch tiefgehende Forschungsarbeiten. Die Aufmerksamkeit der Sprachhistoriker (und der Experten der Interferenzlinguistik) bleibt auf die arti maggiori wie die Architektur, die Musik, die Malerei und Bildhauerei fixiert, in denen Italien zur Zeit der Renaissance eine zweifellose Strahlkraft darstellt und als Hauptsprache (Kultursprache) in Europa verwendet wurde (s. dazu Motolese 2012, 8). In dem modernen geschichtlichen Überblick über die „Italianismen“ (auch im Sinne italianisierender Mode, wie schon von Baglioni 2016, 128 angekündigt) kristallisieren sich zwei zentrale Bereiche heraus: das otium (d.h. die Literatur und alle Bereichen der Kunst) und das negotium (das Handeln und die damit verbundenen Tätigkeiten, allen voran die Marine)885. Das erste oben genannte Gebiet gewann in Europa an Bedeutung (und Prestige); das zweite - dagegen - dominiert im Mittelmeerraum, wobei die italoromanischen Varietäten als lingua franca (auch «lingua di necessità» nach Venier 2012, 17) und vorwiegend für die mündliche und kaufmännische Kommunikation galten. Ganz klar ist zu verzeichnen, dass das Italienische in Mittelalter und Renaissance als Gebersprache für nahezu (und nicht nur) alle europaïschen Sprachen fungierte (Wilhelm 2013, 62). Trotz der Vielzahl eher punktueller Untersuchungen ist bisher der Bereich Tanz auch nicht systematisch erforscht. Das Fehlen linguistischer Analysen und das bisher geringe Interesse an dem gesamten Gebiet hat als Hauptgrund die eher 885 Vgl. Bruni (2013, 10). 381 dürftige Kenntnis der Textzeugnisse im Italienischen und allgemeiner der Tanztraktate als literarische Gattung. Somit ist der Tanz als autonomes Sachgebiet (und als feste Disziplin) sprachgeschichtlich nicht sehr gut erschlossen. Bisher ist die Mehrzahl der (bekannten) Primärquellen des Italienischen und Französischen im 15. und 16. Jahrhundert nur als Handschrift verfügbar und der Beitrag von Philologen erweist sich in diesem Kontext als wenig hilfreich. Dank der technischen und bibliothekarischen Weiterentwicklungen der letzen Jahrzente wurde aber das koreische Corpus gefördert und hat uns einen einen privilegierten Zugang zu den entsprechenden digitalisierten Versionen der Texte ermöglicht. Ein Paradigmenwechsel? Bemerkenswert erscheint die Edition des von Domenico da Piacenza verfassten Textes De arte saltandi et choreas ducendi (1445ca.): Es geht dabei um das älteste Tanzmanuskript Italiens, ediert durch Procopio 2014. Diese Edition ist von großer Bedeutung, da sie die einzige ist, die mit einem textkritischen Apparat herausgegeben wurde. Die übrigen italienischen Werke aus dem 15. Jahrhundert wurden auch ediert. Das Traktat De pratica seu arte tripudii von Guglielmo Ebreo (MS f. ital. 973 der Bibliothèque nationale de France) erscheint 1993: Barbara Sparti, eine amerikanische Tanzhistorikerin, hat den Text ins Englische übersetzt und als Faksimile ediert. Das Libro dell’arte del danzare (Ms Capponiano 203 der Biblioteca Apostolica Vaticana) von Antonio Cornazzano kennt eine einzige Ausgabe aus dem Jahr 1915 in einer halbdiplomatischen Transkription, die von Carlo Mazzi herausgegeben wurde. Als interessantes Vorbild für Frankreich gilt das Manuscrit dit des basses danses (1480ca.). Der Text wurde 1995 von Lieven Baert und Veerle Fack in halbdiplomatischer Traskription (ohne kritischen Apparat) publiziert. Weniger Aufmerksamkeit wird der koreischen Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts beigemessen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen wurde der untersuchte Kontext aus editionsphilologischer Sicht noch nicht ausreichend erforscht: Bis heute stand diese Literatur noch nicht im Mittelpunkt von sprachhistorischen Forschungen. Diese Lücken werden sich negativ auf die lexikographischen Daten auswirken: Die Datierung der in den Texten belegten Italianismen bleibt vorläufig bestehen und des Weiteren bleiben die diatopischen Varietäten des Italienischen, die als Vorbild für Frankreich galten, marginalisiert. Ähnliche Szenarien lassen sich unter dem 382 Gesichtspunkt der Lexikographie abbilden. Die erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts in Italien und Frankreich erschienenen Textzeugnisse wurden aus lexikographischer Sicht noch nicht ausführlich analysiert. Die wenigen linguistisch ausgerichteten Studien sind wie folgt aufzulisten: a) eine reine linguistische Überblicksdarstellung über zwei italienische Traktate des 16. Jahrhunderts stellt Specchia (2018, 191-203) vor. Der Fokus liegt hierbei auf der Tanzsprache - hier als innovativer Gegenstand der Linguistik betrachtet - wobei einige graphischphonetische Merkmale der zwei untersuchten Traktate näher erläutert sind; b) das Werk von Chiodetti Per il lessico della danza del Quattrocento (2019, 127-168) arbeitet die Fachsprache des Tanzes in seiner embryonalen Phase ab. Auch hier werden die Primärquellen untersucht und einige Charakteristika des analysierten Wortschatzbereichs zusammengefasst. Die Autorin entwirft ein erstes Glossar der Fachsprache des Tanzes im 15. Jahrhundert. Dieser Studie verdanken wir wichtige Anstöße für die Forschung. Man kann also feststellen, dass die Forschungsarbeiten in diesem Zusammenhang auch nicht ausreichend sind und dass die Sprachhistoriker die bestehenden Lücke nicht gefüllt haben. Die vorliegende Arbeit soll mit einer systematischen Analyse der Entlehnungen im Bereich Tanz und mittels historischer Originalquellen die lexikographischlinguistischen Lücken schließen. Die Textzeugnisse beider Sprachsysteme stellen die empirische Grundlage für die lexikographische Analyse dar. Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung und Beschreibung der italienischen Einflüsse auf den französischen Wortschatz des Tanzes in früher Neuzeit (15.-17. Jahrhundert). Es handelt sich um eine Zeit, in der die Anfänge einer koreischen Schreibtradition lagen (im Italienischen verdichten sich die Handschriften erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts) und in der bereits eine gemeinsame Terminologie (wenngleich man nicht wirklich von einem Kanon sprechen kann) zu erkennen ist. In der Renaissancekultur Italiens gewann dieses Gebiet an Prestige und Einfluss, ein Aspekt, der nicht ohne linguistische Konsequenzen geblieben ist. Von großer Bedeutung ist der Paradigmenwechsel vom späten 17. Jahrhundert: Die europaïsche Tanzsprache und -kultur stehen unter dem Einfluss des Französischen. Um die modernen sprachlichen Auswirkungen begründen zu können, müssen wir sowohl kulturhistorische wie politische Prämissen ab Mitte des 15. Jahrhunderts 383 ausloten. In der Analyse soll gezeigt werden, wie eine eingehende Untersuchung sprachlicher Erscheinungen zum Verständnis der historischen Phänomene führt, die diese mit sich bringen und die zudem eine besondere Eigenschaft einer Gesellschaft darstellen (Nannucci 1840, 80). Die vorliegende Studie ist somit mehr oder weniger auch von historischem Interesse, da die sprachlichen Spuren ein Bild der engen Kontakte zwischen der italienischen Realität und der Welt jenseits der Alpen zeichnen. Hierbei handelt es sich um Beziehungen, die noch vor geographischen von wirtschaftlichen und politischen Gründen gekennzeichnet, sowie durch eine starke Nähe und gleichzeitig durch sprachliche Unterschiede markiert sind. Am Anfang des Forschens sind wir auf spezifische Fragestellungen eingegangen, alle von besonderer Relevanz für Sprachhistoriker und Lexikographen: Welche linguistischen Erkenntnisse ergeben sich aus der Genese der Tanzterminologie? Welche Verbreitung weist die neue literarische Gattung und das damit verbundene Vokabular auf? Welche Entlehnungswege und welche Anlässe fungieren als Motor des Wortschatzwandels? Welche Kontaktsituation ist vorangegangen? Woran erkennt man die Entlehnung und in welcher Form findet diese statt? Welche Entlehnungsklassen (Kategorien) können im Bereich Tanz unterschieden werden? Wie ist die Entwicklung in der langue cible und welche sprachinternen Konsequenzen des Worttransfers liegen im Hinblick auf das Französische vor? Mit Blick auf die Gegenwart, ist es immer noch möglich eine italienische Strahlkraft in der aktuellen Fachsprache des ballet académique aufrecht zu erhalten? In dieser Studie stehen die Primärquellen innerhalb des untersuchten Bereichs im Vordergrund. Um Entlehnungswege zu dokumentieren und die oben genannten Fragestellungen nachforschen zu können, haben wir zu allererst unser Corpus erstellt. Der Sammlung der Dokumentation ging eine intensive Recherchearbeit in den Bibliotheken in Turin (Nationalbibliothek), Paris (BnF) und Stuttgart (Württembergische Landesbibliothek) voraus, die es uns in mehreren Etappen erlaubt hat, Materialien zu entdecken, die noch nicht umfassend von Studien erschlossen waren. Im Übrigen waren zu einem späteren Zeitpunkt die Materialien Dank der effizienten Digitalisierungswelle zahlreicher Bibliotheken leicht im Netz zu konsultieren (u.a. Vatikanische Apostolische Bibliothek und die BnF). Diese Entwicklung erlaubt zugleich den Zugriff und die Abfrage unveröffentlichter Quellen, Manuskripte, Druckwerke. 384 Für die vorliegende Arbeit wurden die antiken italienischen Texte minutiös analysiert, d.h. in der Regel alle Textzeugnisse mit Bezug auf die koreische Dokumentation, die bis heute bekannt sind. Den Beginn des Zeitraums markiert das erste Manuskript Italiens (an der Bibliothèque nationale de France, MS f. ital. 972 verortet) etwa um 1445 und dehnt sich bis zum Jahre 1650 aus. Mit einbezogen wurde musikalische Materialien der sogenannten Intavolature, die oft hinsichtlich ihrer Strukturen und Motive an den Bereich Tanz angrenzten und wertvolle Hinweise auf die Erstbelege lieferten. Im französischen Sprachraum beginnt der gespannte Zeitbogen etwa um 1480 (Man. Bourgogne) und erstreckt sich bis 1725, dem Jahr, in dem Le Maître à danser von Pierre Rameau veröffentlicht wurde. In dieser Zeitspanne nimmt der klassische Tanz einen reifen und sichtbar modernen Charakter an, der eine vollständige Bestandsaufnahme der Italianismen des Tanzes ermöglicht, in einer Sprache, die für viele noch einen ausschließlich französischen Geschmack aufweist. Die Durchsicht solcher jüngerer Texte führt zu einer offensichtlichen Bilanz der ‚Entlehnungen‘ und ‚Einbürgerungen‘ und somit zugleich des ‚Verlorenen‘, indem diese kurzlebigen Entlehnungen als flüchtig markiert wurden. Streng genommen handelt es sich bei den oben genannten um eher seltene und originelle Quellen, sowohl hinsichtlich ihrer inhaltlich reichen textuellen Typologie, in der musikalische, militärische und Fechtelemente zusammenfließen, als auch im Bezug auf die organische Strukturierung des Fachstoffes. So finden sich kanonische Neumen, Partituren, Bilder, Figuren und schließlich auch Notationen des Tanzes „Beauchamp-Feuillet“ (vgl. § 3.2.4). Außer dass sie ein begehrtes Untersuchungsmaterial darstellen, bietet das Feld ‚Tanz‘ und enger gefasst die Traktate einen vor allem philologischen Wert, gerade hinsichtlich der kritischen Ausgaben, die diese Schriften verdienen würden. Des Weiteren sind sie sehr bedeutend wegen ihrer linguistisch-lexikographischen Wertigkeit der technischen Lexeme, die noch etymologisch und semantisch zu begründen sind. Grundsätzlich beschränkt sich das Interesse nicht ausschließlich auf die Disziplin der Sprachwissenschaft, sondern umfasst auch die Geschichte, Soziologie, Anthropologie und Tanzwissenschaft. Die herauszuarbeitenden Daten, insbesondere die historischen, sind dahingehend von Bedeutung, dass sie es erlauben, die intensiven Austausche und Kontakte zwischen Italien und Frankreich 385 nachzuzeichnen und zu verstehen. Diese etablieren sich dann auf sprachlicher Ebene und sind an Entlehnungen festzumachen. Um diese Auswirkungen umfassend zu bewerten, sind in den Analysen auch die historischen Fakten miteinbezogen, die zur Rekonstruktion der Umstände und Modalitäten der Interferenzen hilfreich sind. Die qualitativen und quantitativen Spezifizitäten des Corpus machen dieses zu einem Werkzeug, das in der Lage ist, eine größere Menge positiver Daten anzubieten. Hierbei führen Neuaufnahmen, Rückdatierungen und die Existenz heimischer sprachlicher Konkurrenten zu positiven Überprüfungen: konkret lassen sie synchron und diachron auch die Teile sichtbar werden, die schwankend und noch nicht kodifiziert erscheinen, zusammen mit einer vollständigen Kontextualisierung der linguistischen Aspekte. Im Allgemeinen unterscheidet sich diese Arbeit von den herkömmlichen Studien zu Italianismen, die nur sporadisch anhand von Primärquellen untersucht werden (wie im Fall von Hope [1971], Wind [1928] und Sarauw [1920], deren Daten aus lexikographischen Instrumenten oder früheren Studien entnommen wurden). In diesem Zusammenhang muss übrigens festgestellt werden, wie viel Innovatives in der Idee liegt, die Art zu bewerten, auf die die Entlehnungen empfangen und aufgenommen wurden und diese mit dem kulturhistorischen Hintergrund zu verknüpfen. Dieser Vorschlag wurde nur teilweise von Sprachwissenschaftlern angenommen, die sich neuerdings mit Italianismen auseinandergesetzt haben. Wie auch Cella (2003, XI) vermerkt, weist Hope eine genauere sprachliche Typologisierung der Lenhwörter zurück und verzichtet vor allem auf die Nachverfolgung verschiedener Arten der Entlehnung je nach unterschiedlichen Umständen und Gründen. Basierend auf dem Werk Cella (2003, XIII-XVI) erscheint es uns nützlich (im Rahmen dieser Arbeit) eine Unterscheidung zu treffen zwischen den Arten, wie sich die italienische Entlehnung realisiert, und dem historischen Bezugskontext: Die auf heute gesprochenen Sprachen konstruierten Interpretationskategorien können sich für eine Analyse antiker Entlehnungen als ungeeignet erweisen. Ferner bleiben noch radikale Unterschiede sowohl hinsichtlich des sozio-kulturellen Umfelds, in dem das Prestige einer Sprache vorherrscht, als auch der Übertragungsmöglichkeiten eines fremden Wortschatzes. Daher wird hier auf die von Cella (ib.) „philologisch“ bezeichnete Perspektive zurückgegriffen, die 386 das entlehnte Material mit den entsprechenden sprachlichen Phänomenen in Verbindung setzt. Im Bezug auf die methodischen Grundlagen erscheint die bedeutende Anzahl an Textzeugnissen rund um den Tanz ab Mitte des 15. Jahrhunderts bis heute bemerkenswert. Eine chronologische Eingrenzung scheint hierbei unabdingbar. Ausschließlich das Hauptinteresse an der Sprache des Tanzes in Kombination mit der chronologischen Einschränkung der antiken Zeugnisse erlaubt die Genauigkeit einiger Analysen. So eine eingehende Untersuchung ist möglich Dank einer durchdachten Überprüfung der bedeutendsten (in manchen Fällen auch kleineren) italienischen und französischen, historischen und modernen, etymologischen und fachwortschatzlichen Lexika. Für einen Überblick sind im Folgenden die wertvollsten italienischen Quellen zusammengefasst: der TLIO und das Corpus OVI (hauptsächlich für die ersten Dokumentationen der italoromanischen Vulgärschriften und die den wichtigsten semantischen Entwicklungen im Tanzbereich vorstehen), die Dank ihrer digitalisierten Version einen aktualisierten Zugriff erlauben; das LEI, dessen aufgearbeitete Materialien sich nicht auf verfasste und veröffentlichte Artikel beschränken, sondern auch auf die „Fiches“, die ein umfassendes Dokumentationsspektrum für die chronologische, semantische und geographische Breite bieten; der GDLI, der, obwohl er nur kursorisch (und teilweise spät belegt) die Technizismen des Tanzes verzeichnet, punktuell erlaubt die Verbreitungen und semantischen Entwicklungen von nicht nur koreischen Lexemen zu durchforsten, sondern im Besonderen auch einiger Fachbereiche, an die der Tanz anknüpft; der Veneroni (1681), der häufig detailliert orchestisches Material lemmatisiert und bei dieser Gelegenheit eine gewisse Lebendigkeit außerhalb der Texte verleiht; der DI, beschränkt auf die von klassifizierten Ethnizismen abgeleiteten Technizismen und mit punktuellen Verweisen auf Zweitbedeutungen; der DELI2 (nur in geringem Maße der EVLI), der DEI und der REW, die umfassend zur Beantwortung der etymologischen Fragen herangezogen wurden. In einigen wenigen Fällen wurde die Dokumentation mit Angaben aus dem TB und Florio (1598) einbezogen, insbesondere wenn die Lexeme anderweitig nur selten zu finden sind. Den historisch-kulturellen Überblick vervollständigen die Datenbanken: BibIt (<www.bibliotecaitaliana.it>), DBI (<www.treccani.it/biografie/>), EncStoria 387 (<www.treccani.it>), EncItaliano (2010-11) und schließlich Letteratura Italiana Zanichelli (2001). Im Französischen hat der elektronische Kanal einen gleichzeitigen Zugriff auf Materialien erlaubt, die früher nur entgeltpflichtig zugänglich waren. Die Hauptlexika stehen leicht abfragbar im Netz zur Verfügung, ausgehend von der jüngsten digitalen Version des DEAFplus und DEAFpré (seit 2017). Das DEAF ermöglicht eine Abfrage einer noch größeren und aktualisierten Menge positiver Daten auch für die lexikographischen Bereiche, die noch „roh“ vorliegen. Der Gesamtapparat liegt online als DEAFpré vor und bietet wertvolle Materialien zur Konsultation (vergleichbar mit den „Fiches“ des LEI). Streng genommen ist der Nutzen des Dictionnaire étymologique de l’Ancien Français entsprechend dem des Godefroy (hier GD und GDC) auf die Dokumentation der Erstbelege und Semantiken dieser Lexeme beschränkt, die im 16. und 17. Jahrhundert zu Italianismen des Tanzes wurden (insbesondere um den ursprünglichen graphischsemantischen Wert vor dem Einfluss des Italienischen nachzuzeichnen). Das Dictionnaire du moyen français (Ausgabe 2015 einschließlich dem Complément 2017) - das sich in der Zeitspanne zwischen dem Altfranzösisch und dem modernen Französisch verortet - stärkt die Anzahl belegter Italianismen und bietet punktgenauere chronologische Angaben. Somit schließt es die Lücken des Französischen Etymologischen Wörterbuchs, das - trotz seiner chronologischen Stärke - eine Menge an koreischen Italianismen geliefert hat (einschließlich der semantischen Verbreitungen und parallelen Entwicklungen sowie den Resemantisierungen im Französischen) und dadurch wiederum ermöglicht, deren Vitalität in anderen Texten zu belegen. Der TLFi (Trésor de la langue français informatisé) hat sich als wertvolles Instrument erwiesen, obwohl sein Abschnitt zu Italianismen nur schwach belegt ist und häufig zu ungenauen Überprüfungen mitten im Übergang führt. Der konstante Verweis auf klassische Studien und historische Grammatiken hat eine schnelle Überprüfung anderer Daten begünstigt. Als weitere lexikographische Korpora sind der Cotgrave (1611), Oudin (1621, 1640, 1643, 1645, 1660), Huguet und in manchen Fällen auch das Dictionnaire de l‘Académie in den verschiedenen Ausgaben zu nennen, über die es möglich war, die Etappen der phono-morphologischen Aufnahme von Entlehnungen und deren entsprechende graphische Varianten ausfindig zu machen. Die Daten im Furetière 388 (1690) und Richelet (1680) wurden erhoben mit dem Ziel, die Entwicklungen des Wortschatzes des Tanzes zum Ende des 17. Jahrhunderts nachzuvollziehen, als der innovative Schub des Französischen zur Bildung des modernen ballet académique führte. Zum fachsprachlichen Bereich wurden folgende Quellen systematisch und eingehend konsultiert: das Dictionnaire de musique von Brossard (1703) und von Rousseau (1768); das Dictionnaire musical des locutions étrangères von Rougnon (1892); der DEUMM (1983-90) und der LESMU (2002); das Dictionnaire de la danse von Compan (1787), von Desrat (1895) und Le Moal (1999); das Manuel du Maintien et de la danse von Soria (1900); die Grammaire de la danse classique von Guillot und Prudhommeau (1977); die Technique de la danse von Bourgat (1986); die Terminologie de la danse classique von Challet-Haas (1987); das Dizionario della danza e del balletto von Koegler (2011). Allgemein wurde für den vom Italienischen als Gebersprache gelieferten Bestand an Entlehnungen das elektronisch verfügbare Osservatorio degli Italianismi nel mondo eingehend konsultiert. Die Lexika sollen dem Bedürfnis entsprechen, die Einträge ihrer Etymologie zuzuordnen und die den Primärquellen entnommenen Daten in einen weiteren Kontext einzuordnen, der dem ersten bekannten Beleg entspricht (hier nicht nur im Sinne der ersten graphischen Form zu verstehen, sondern auch die erste Bedeutung eines bestimmten Lexems). Aus dieser Sichtweise heraus wird auch die jeweilige semantische Begründung des Technizismus nachgezeichnet. Dort, wo es die lexikographische Dokumentation erlaubt, wird der technische Eintrag systematisch mit anderen Spezialisierungsbereichen verglichen, um die empfangenen Bestände zu begründen. Die Bilanz wird kontrastiv zwischen den italoromanischen und den französischen Elementen gezogen: Um die sprachliche Ebene zu definieren, auf der sich die Entlehnung auswirkt (phonetisch, morphologisch, semantisch oder lexikalisch), und um zugehörige Unterschiede, die sich zwischen den Empfang nach italoromanischer „akzentuativer“ Art einschieben oder einen Terminus, der nur teilweise phono-morphologisch verändert ist, habe ich die kanonische Unterscheidung zwischen Lehnprägung und Lehnwort getroffen. Somit habe ich jedes Mal hervorgehoben, wie sich der Einfluss realisiert und wie die (semantischen oder strukturellen) Fremdelemente aufgenommen wurden. Auch wenn heimische 389 Konkurrenten vorliegen, wird das entstandene Verhältnis von fremdsprachiger Entsprechung in Augenschein genommen und die Verbreitungskontexte der Formen überprüft. Neben diesen Aspekten wird auch das Verschwinden von Fremdwörtern im Französischen begründet: Das Fehlen von Belegen zu einem geschichtlichen Zeitpunkt der Italianismen des Tanzes ist ein eindeutiges Zeichen sprachlicher und kultureller Entwicklungen, die kritisch zu diskutieren sind. Das Material wird dann wiederholt mit den französischen Traktaten des 18. Jahrhunderts abgeglichen, die dazu tendieren, sprachliche Entscheidungen bis heute zu konsolidieren. Da es sich nicht um einen heterogenen und zu weit gefassten Bestand an Termini handelt, habe ich auch die Fälle untersucht, in denen eine Klassifizierung als Italianismen nicht zweifelsfrei gegeben ist. Eine solche Bemessung ist nur mit Hilfe von ausreichenden und fundierten Indizien für eine Entlehnung möglich. In solchen Fällen wird die Argumentation mit der Sammlung der vom Corpus angebotenen Dokumentation durchgeführt, die die Analyse mit außersprachlichen Elementen stärkt (manchmal zur Begründung der Entlehnung oder um die Hypothese des Italianismus selbst zu entkräften) zusammen mit einem rigorosen Quellenvergleich (Studien, Grammatiken, Wörterbücher/Lexika). Hierbei wird danach gestrebt, kritische und neuralgische Punkte herauszuarbeiten. Es ist keinesfalls selbstverständlich anzunehmen, dass der Wortschatz des Tanzes aus Italianismen besteht, nur weil historisch gesehen Italienisch die Gebersprache des Tanzmaterials ist. Ganz im Gegenteil kann sich dieser Aspekt als verfänglich erweisen in Fällen, in denen Entlehnungen in andere europäische Sprachen übertragen werden und insbesondere in denen, die Verwandtschaft (geographische, historische und linguistische) zur italoromanischen Welt aufweisen. So ist es der Fall beim Spanischen, in dem sich eine schnelle Übernahme des Tanzmaterials aus Italien beobachten lässt und das ein Aufkeimen einer Reihe von Italianismen des Tanzes in Frankreich befeuert. Manchmal sorgt auch das Provenzalische für Zweifel beim Übergang, dessen sprachliche Verwandtschaft mit der Italoromania phonetische und semantische Nähe begünstigt. Es handelt sich hierbei um eine kniffelige Frage, die dazu führt, dass den Einzelfällen besonderes Augenmerk geschenkt wird und jedes Mal die Zuverlässigkeit unter Berücksichtigung der genannten Faktoren geprüft wird. Jeder einzelne Fall wird kritisch analysiert. 390 Die Überprüfung sprachlicher Wege wurde systematisch durch die ‚traditionellen‘ historischen italienischen und französischen (teilweise romanischen) Grammatiken begründet zusammen mit der Untersuchung der sprachwissenschaftlichen Studien zu Interferenzpraktiken. Als fruchtbarste historische Grammatiken für diese Forschung haben sich die folgenden erwiesen: Castellani (2000), Lausberg (1963) und (1967), Meyer-Lübke (1966) und (1972), Migliorini (1957), Rheinfelder (1953) und (1967), Rohlfs (1966-69) und Serianni (1998). Begrenzt auf das Phänomen der Italianismen wurden in gebührendem Maße die folgenden Werke konsultiert: Hope (1971), Sarauw (1920), Serianni (2008), Terlingen (1943), Vidos (1939), Wilhelm (2013), Wind (1926) und Zanola (1995). Schließlich bilden die wertvollen Beiträge aus folgenden Quellen das Gerüst dieser Arbeit: Brunot (1909; 1922; 1967), Caracausi (1983), Cella (2003), Cortelazzo/Zolli (1989), Deroy (1980), Gusmani (1973; 1981-83), Haugen (1950), Holtus (1989), Lupis/Pfister (2001), Michel (1996), Pellegrini (1972), Pierno (2010), Tesch (1978), Thibault (2010), Vidos (1965), von Polenz (1967), Weinrich (1963), Winter-Froemel (2011; 2015) und Zolli (1991). Die oben gennanten methodischen Prämissen liegen dem Glossar der französischen Italianismen des Tanzes zugrunde. Ziel dieses Haupteils der Arbeit ist die diachronische Rekonstruktion einzelner Lehnwörter durch eine detaillierte Quellenangabe und eine durchdachte und sytematische linguistische Analyse. Das lexikalische Material strebt an: a) Erstbelege und den genauen Zeitpunkt des Eintritts von Lexemen in beiden Sprachsystemen zu dokumentieren; b) Lehnwörter in verschiedene Kategorien zu unterteilen unter Berücksichtigung aller im § 2.2.3 erwähnten linguistischen Kriterien; c) die Integration der Italianismen auf sprachlicher Ebene auszuwerten (bzw. jeweils die phono-morfologischen Veränderungen, die im Französischen stattgefunden haben); d) graphische Varianten in der Quellsprache zu vermerken und somit die verschiedenen Etappen des Entlehnungsprozesses aufzuzeigen; e) die semantischen Besonderheiten und Entwicklungen aus der Sicht der Diachronie zu beschreiben mit Augenmerk auf die verwandten Wissenbereiche, mit denen der Tanz von seiner Genese einen gegenseitigen Austausch vornahm; f) Derivate im Französischen umfassend zu belegen mit dem Ziel, die Häufigkeit der Italianismen außerhalb der Textzeugnisse 391 abzuwägen; g) Rückentlehnungen ins Italienische nachzuzeichnen; h) direkte oder indirekte Italianismen im Spanischen anzumerken. Für eine solche Analyse ist zu beachten, dass das Lexeminventar der italienischen Tanzsprache die Basis darstellt. Besonders problematisch erweist sich das Fehlen von linguistischen und sprachgeschichtlichen Untersuchungen in diesem Bereich, die das Italienische als Gebersprache des Tanzes in früher Neuzeit in Augenschein nehmen. Wie bereits erwähnt, steht bisher nur die Abhandlung von Chiodetti (2019, 127-168) als lexikographische/lexikalische Arbeit des italienischen Quattrocentos zur Verfügung. Da diese Studie nicht vor allzu langer Zeit veröffentlicht wurde, ist es nicht verwunderlich, dass dem Beginn dieser Arbeit eine systematische Voruntersuchung des italienischen koreischen Vokabulars vorausging. Eine weitere Präzisierung gilt der Art des untersuchten Materials: Die Sprache der Tanzkunst steht im Zeichnen der technologischen Innovationen des 15. Jahrhunderts und ist Teil der komplexeren Kodifizierungen künstlerischen oder technischen Wissens (bildende Künste, Architektur, Kriegskunst, Fechten, Reiten), in denen Italien das treibende Zentrum darstellt. Auf sprachlicher Ebene schlägt sich diese Führungsrolle in der Übertragung zahlreicher Italianismen in die größten europäischen Sprachen nieder. Die synchrone Normierung anderer Fachsprachen zur Zeit der Renaissance wirkt sich vielseitig auf die Genese der Tanzsprache aus. Die dialektische Beziehung gegenseitigen Austauschs mit anderen verbundenen Wissensbereichen fällt von Anfang an auf. Hierzu genügt es an die umfangreichen Beiträge zu denken, die zunächst aus der Dichtung und dann aus den bildenden Künsten in die Sprache des Tanzes einflossen, und so das Vorliegen und die Wiederaufnahme im koreutischen Wortschatz von Bezeichnungen aus der Metrik. Eloquente Beispiele stellen die zwei Lexeme ripresa886 und volta887 dar, sowie die Einträge aus dem Bereich der Malerei wie aria (aiere888) und aieroso. Sie dienen 886 In dem Bereich der Metrik verweist das Lexem ripresa einen Refrain, d.h. die kanonische Wiederholung von Versen innerhalb eines lyrischen Werks. In der Sprache des Tanzes bezieht sich der Technizismus auf den fünften Schritt der Basse danse. Später ist auch in der Bedeutung ‘Tanz’ belegt; vgl. → fr. reprise. 887 Aus der Sicht der Metrik bezeichnet das volta: 1. (in einem Sonett) die zwei Teile, in denen die sirma unterteilt wird; 2. (in der Ballade) der zweite Teil einer Strophe. In der Tanzliteratur der früher Neuzeit nimmt das volta zwei Bedeutungen an: 1. ‘Paartanz’ mit Drehungen und kräftigen Bewegungen; 2. ‘Tanzschritt durch Drehen auf sich selbst umgesetzt’. 888 Es handelt sich hierbei um einen noch gültigen Grundsatz in der heutigen Disziplin des Ballets und hauptsächlich in den Bewegungen des Körpers, die tours aériens (Bourgat 1986, 68; 91), vgl. → fz. air2. 392 dazu einen komplexen Entwurf der nicht physisch-mechanischen Bewegung anzuzeigen, aber dies jedoch kohärenterweise mit der humanistischen Vorstellung der Kunst als eine mit Vitalität gefüllte und in Handlung umgesetzte Spiritualität. Es ist leicht auszumachen, dass es sich hierbei um eine Fachsprache handelt. Hierzu bestätigt Wilhelm (2013, 60): „Fachsprachen zeichnen sich durch spezifische Anforderungen aus, wie etwa der Notwendigkeit bestimmte Objekte zu benennen und Konzepte auszudrücken, die nicht dem Alltag angehören, und spezielle Kenntnisse vermitteln zu können“. Die Sprachwissenschaftlerin präzisiert: „Wichtiges Merkmal ist der differenziert ausgebaute, z. T. terminologisch normierte Fachwortschatz, dessen Wortbedeutungen frei sind von umgangsprachlichen Konnotationen“. Nach Cortelazzo (1994, 8) sind die zentralen Elemente einer Fachsprache vor allem auf morphologisch-syntaktischer Ebene (denken wir zum Beispiel an den häufigen Gebrauch von festen Wendungen, Syntagmen und Lokutionen) zu erkennen und dazu in den textuellen Eigenheiten zu finden, die den Diskurs formell von jeglicher anderer description non spécialisée abheben. Unter diesem Gesichtspunkt zeigt Kramer (2016, 383) in einem jüngsten Artikel auf, warum es für die Antike am treffendsten sei, von „contenus spécialisés” zu sprechen und dass man auf der Ebene von Varietäten nicht klar unterscheiden könne zwischen „style typiquement technique et style non typiquement technique“, wie es heute der Fall zu sein scheint. Entsprechend dieser Formulierung halten wir es für offensichtlich und wenig gewinnbringend, im modernen Sinn eine Fachsprache in einer vorherigen Epoche zu finden, vor allem wenn berücksichtigt wird, dass die Entwicklungen einer vereinheitlichten Terminologie und des theoretischen Diskurses im 19. und 20. Jahrhundert florierten. Ganz im Gegenteil scheint es uns notwendig, die Art zu berücksichtigen, auf die jede Epoche die sozialen Realitäten und Techniken klassifiziert und detailliert die „Langage lié à ces activités” (Eggert 2016, 394) beschreibt, herauszuarbeiten. So ist hervorzuheben, dass sich die technischen Fachsprachen in engem Verhältnis zu den Auffassungen der in den jeweiligen Epochen vorherschenden Disziplinen herausbilden. Anderseits werden, wenn im Mittelalter die Abgrenzung von wissenschaftlichen und literarischen Texten noch stark verschwommen ist, dann vor allem im Verlauf des 15. und 16. Jahrhunderts viele Traktate verfasst „dans une spécialisation et forment, de la sorte, un inventaire de la langue de spécialité, en plein épanouissement à l’époque” (ib., 404). 393 Die ersten Etappen einer langue de spécialité sind bereits im 16. Jahrhundert zu erkennen: Sowohl auf textueller als auch auf lexikalischer Ebene erweisen sich die Traktate und das neue etablierte Vokabular als relativ homogen889. Die Bezeichnungen typischer Tänze und Schritte sowie die von den italienischen Meistern des Quattrocentos (die sogenannten “Tre Corone”) theorisierten Prinzipien wiederholen sich kanonisch in den Textzeugnissen und werden weiter ins Französische übertragen. Die hohe Anzahl an Neologismen fällt auf, was die Anfänge einer immer höheren terminologischen Spezialisierung des Bereiches beweist. Es erweitert sich somit die Distanz zur Allgemeinsprache, ein Aspekt, der von großer Bedeutung ist: Hierzu betont Wilhelm (2013, 60) „dass ein durchschnittlich gebildeter Sprecher nicht folgen kann“. In der Renassancezeit kann noch nicht die Rede von „Experten“ sein: Die Benutzer der neuen „Wissenschaft“890 pflegen innerhalb der höfischen Palastmauern die Tanzkultur und innerhalb dieser Grenzen wird diese Realität konsumiert. Somit finden die zur Verfügung stehenden Texte außerhalb der Kreise der Initiierten keine weitere Verbreitung. Diese These umfasst nicht nur diaphasische Varietäten, sondern bestätigt auch eine gänzlich horizontale Ausdehnung zwischen Sender und Empfänger im Rahmen eines spezialisierten Fachwissens, das außerhalb nicht aufzufinden ist. Ebenso scheint sich der Mechanismus der Entlehnung in mehr oder weniger homogenen sozialen Schichten einzunisten, sowohl über den schriftlichen (Verbreitung der Traktate) und mündlichen Kanal (v.a. Mitte des 16. Jahrhunderts) mit entsprechendem Übergang von einem italienischen zu einem italianisierenden Hof. Bereits 1965 untersuchte und erkannte Vidos die vorliegende Verwobenheit zwischen den technischen Spezifika und dem Lehnmechanismus und bekräftigt, dass „les termes techniques jouent un rôle bien connu dans l’emprunt [...], car la plupart du temps c’est par la voie des vocabulaires techniques et par l’intermédiaire des langues spéciales que les emprunts ont lieu“ (364, 365). Anderseits erfolgt die Verbreitung von Innovationen jeglicher Art „proprio per prestito da una lingua individuale all’altra“ (Gusmani 1986, 8). Somit ist die Erneuerung von Techniken und deren zugehörigen Wortschatzes eines der Phänomene, die Interferenzen zwischen 889 Die embryonale Phase des Phänomens ist eher im 15. Jahrhundert nachzuspüren. 890 In den Traktaten des 15. Jahrhunderts wird der Tanz als Disziplin konzipiert und immer explizit als „scienza“ bezeichnet. 394 Sprachsystemen katalysieren. Aus diesem Gesichtspunkt hat unser Material den Sprechern jenseits der Alpen in der vorherigen Zeit noch unbekannte Begriffe und Praktiken vermittelt, für die der exogene Schub nicht nur notwendig für die Neuheit einer gänzlich italienischen, sondern auch exotischen Kunst schien, vor allem in Folge des Prestiges, welches Italien zugeschrieben wurde. Darüber hinaus erklären auch sprachinterne und sprachgeschichtliche Entwicklungen die Offenheit des Französischen für Fremdwörter (u.a. auch Italianismen). So legt Wind (1928, 3) dar: „le lexique d’un peuple se développe dans la mesure de sa civilisation. Au XVIe siècle, par exemple, époque pendant laquelle non seulement le domaine des connaissances s’est considérablement élargi, mais où la personnalité avec ses besoins de différentiation infinie demande des moyens d’expression, la langue s’est trouvée tout à coup dans un état d’insuffisance d’où elle devait se tirer à tout prix et par tous les moyens dont elle disposait“. Somit lagen Umstände vor, die einen fruchtbaren Boden für das Eindringen fremden Materials bildeten. Wind hebt die Unzulänglichkeit der französischen Sprache hervor. Mit diesem Aspekt kontextualisiert sie den Mechanismus von Entlehnungen als benötigtes Hilfsmittel zur Bildung eines dann speziell als „französisch“ markierten Materials in einer Zeit, in der das Bewusstsein einer langage maternel françois alle sozialen, politischen und kulturellen Ebenen zu durchdringen begann und zu einer nationalen Dringlichkeit wurde (vgl. Burdy 2015, 33-36; Brunot 1967, 2-197; Pfister 1973, 217-253). Somit beruht also die komplexe Arbeit der Erschaffung der französischen Sprache nicht nur auf der Nachahmung ausländischer Vorbilder, sondern auch auf der lebhaften Aufnahme sprachlicher Elemente unterschiedlicher Herkunft: „emprunt au latin, emprunt aux dialectes, emprunt aux langues particulières, emprunt aux langues étrangères et au français ancien“ (Wind 1928, 3). Abgesehen von den Beiträgen einzelner linguistischer Traditionen, soll hier aufgezeigt werden, wie die Italianismen des Tanzes Eingang in die französische Sprache gefunden haben und welche linguistischen Merkmale sie aufweisen. Hierzu dient die Typologisierung der Italianismen in drei Grundtypen: a) Lehnwörter (im weiteren Sinn, d.h. frz. emprunts, it. prestiti); b) Lehnübersetzungen; c) Lehnbedeutungen891. Innerhalb des untersuchten Kontextes bilden Erstere 891 In der italienischen Terminologie und anhand der theoretischen Prämissen von Gusmani (1981, 7-8; 1983, 3-8) und Zolli (1991, 3-6) unterteilen sich zwei Hauptgruppen: a) prestiti; b) calchi. Letztere sind noch zwischen strutturali und semantici zu differenzieren. 395 die Mehrheit der Entlehnungen und des Weiteren wirken diese aus formeller Sicht auf das französische Sprachsystem ein (Lehnwörter werden lautlichen oder morphologischen Anpassungen unterzogen). Lehnübersetzungen und Lehnbedeutungen entsprechen hingegen einer geringen Anzahl von Lexemen und weisen meistens semantische Einflüsse auf. Unter einem rein formellen Gesichtspunkt liegen den Lehnwörtern offensichtliche phono-morphologische Merkmale zugrunde. Wir können zweifelsfrei feststellen, dass das phonetische Kriterium am ehesten Lehnwörter erkennbar macht und rechtfertigt (Deroy 1980, 49). Ausgehend von der Tatsache, dass die französischen Sprecher immer die Italianismen des Tanzes an ihre phonetische und morphologische Strukturen anpassen892, erweist sich der Grad der Assimilation nur selten als vollkommen integriert. In vielen Fällen behalten Lehnwörter typische phonetische, graphische oder morphologische Spuren des Italienischen bei. Auf grammatikalischer Ebene ist die allgemeine Tendenz wie folgt zu beschreiben: Der Integrationsvorgang der meisten Lehnwörter erfolgt progressiv. Ein eloquentes Beispiel bezeugt die frz. Variante capriole (1579, FEW) für cabriole (< it. capriola), die nicht die kanonische Sonorisierung aufweist (lat. P (+ [r]) > it. [pr] vs frz. [vr]; vgl. Rheinfelder 1953 § 565). Das entlehnte Wort beugt sich dem französischen System und wurde unter Einfluss von cabri und cabrer sonorisiert (FEW 2/1,306a). Nur in einem Fall handelt es sich um einen regressiven Adaptationsprozess: frz. crotesque (1532, TLFi) für grotesque (< it. grottesca), wobei der stimmlose Anfangskonsonant [c] auf den Einfluss von croute hinweist (lat. CR- > it. [cr] und [gr] vs frz. [cr])893. Der Italianismus bewahrt eine fremde Lautgestalt und wird noch heute in seiner forme italianisée verwendet: frz. grotesque, vgl. (→ grotesque). Im Hinblick auf die Morphologie beweisen einige Suffixe einen klaren italienischen Ursprung. Suffixe, die dem System des Französischen fremd sind, werden in den meisten Fällen lautlich angepasst oder durch änhliche Phoneme ersetzt. Eine fremde bläuliche Form weist das frz. -esque aus dem it. -esco auf (wiederum aus dem lat. ĬSCUS < germ. -isk; vgl. Rohlfs 1969 § 1121; Meyer-Lübke 1966 § 140; Wind 1928, 45-46). Der regelmäßige männliche Ausgang des Französischen wäre - 892 Es geht dabei um eine Tendenz, die sich in der Vergagenheit gefestigt hat. Heutzutage zeigt sich eine umgehkerte Entwicklung: entlehnte Wörter behalten ihre ‘fremde’ äußere Form und werden nicht mehr lautlich, morphologisch oder graphisch in die Nehmersprache angeglichen (vgl. Zolli 1991, 5-6; Cella 2003, XIV). 893 Vgl. Rohlfs (1966 § 180) und Rheinfelder (1953 § 380). 396 ois894 (< fränk. -isk); nur selten wurde die weibliche Form -esche verwendet (Meyer-Lübke 1966 § 139). Im Rahmen unseres Inventars sind folgende Beispiele aufzulisten: frz. grotesque (< it. grottesca), frz. romanesque (< it. romanesca), frz. villanesque (< it. villanesca). Die ursprüngliche semantische Bedeutung des Italienischen wurde auch ins Französische übertragen: „Suff. formateur d’adj. dér. de noms communs, de noms propres et d’adj. et qui indiquent une ressemblance, une manière d’être ou d’agir dont on accuse l’originalité dans un sens plus au moins péjoratif ou laudatif“ (TLFi s.v. -esque)895. Infolge der massiven Übernahme italienischer Lehnwörter ins Französische wurde das Suffix ab dem 16. Jahrhundert selber produktiv und weiter mit indigenen Elementen kombiniert (es wird in das frz. Wortbildungssystem integriert). Auf semantischer Ebene ist ein Phänomen besonders von Bedeutung: die Resemantisierung. In dem untersuchten Kontext ist die Bedeutungsveränderung nur nach dem Transfer in die Nehmersprache bemerkbar (shifts during the interim period nach Hope 1971, 664-666). Der Zeitraum beginnt etwa Mitte des 17. Jahrhunderts und erstreckt sich bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, d.h. dass zwischen der ersten vom Italienischen übertragenen Semantik und der einheimischen Resemantisierung ein Zeitbogen von mindestens einem Jahrhundert angesetzt werden muss (manchmal handelt es sich sogar um zwei Jahrhunderte). Dieser Aspekt ist nicht unerheblich, weil die entsprechenden Technizismen, die eine inhaltliche Spezialisierung (eine Bedeutungsverengung) nachweisen, alle fest assimiliert sind. Diachronisch gesehen, impliziert diese Gegebenheit, dass die damaligen Sprecher des Französischen diese als indigenes Wortgut (und nicht als Fremdkörper) betrachtet haben. Die dementsprechende Akklimatisierung wird durch die Häufigkeit der Italianismen innerhalb des Corpus deutlich: Es geht dabei um Lexeme, die in der Literatur vorkommen und Sinnveränderungen erfahren haben. Grundsätzlich haben die betroffenen Technizismen viele Derivate gebildet und sind im Französischen produktiv geworden. Als interessante Fälle kann man folgende Beispiele anführen: Frz. attitude ist erstmal in der allgemeinen Bedeutung von ‘positura, atteggiamento’ (1599) belegt, später erfährt es die einheimische Spezialisierung ‘figura della danza classica eseguita con una gamba piegata in aria 894 Im Bezug auf die phonetische Entwicklung siehe Lat. Ĭ > Afrz. ei̯ vs Nfrz. ̯ua (Graphie oi) (Rheinfelder 1953 § 40). 895 Für weitere Vertiefungen vgl. Meyer-Lübke (1966 § 140); Wind (1928, 45-46). 397 posta verso l’alto’ (1725); die Attitude kann gegenwärtig in vielfältiger Art und Weise durchgeführt werden (vgl. Bourgat 1986, 62-63). Das Lemma cabriole bezeichnet anfangs ein ‘salto eseguito appoggiando le mani o il capo a terra e lanciando le gambe in aria per voltarsi sul dorso’ (vor dem 1555), diese Bedeutung wurde ersetzt durch ‘salto dei ballerini compiuto sollevandosi da terra e scambiando per aria le posizioni dei piedi’ (ab dem 17. Jahrhundert). Der Technizismus hat heute ein breites Spektrum von syntagmatischen und lokutorischen Formen896 sowie eine hohe Anzahl an sekundären Bedeutungen entwickelt (vgl. FEW 2/1, 304segg.; TLFi s.v. cabriole; Bourgat 1986, 67). Mit einem Blick auf die gesamten Daten lässt sich feststellen, dass das Gros der Italianismen im 16. Jahrhundert eindrang. Somit zeigt sich ein phasenweiser Eingang der Italianismen in die französische Sprache, der in enger Beziehung mit den historischen und kulturellen Fakten Italiens steht. In dieser Hinsicht werden verschiedene Etappen beobachtet, die der Genese, Vebreitung und Etablierung der Italienismen entsprechen. Im 15. Jahrhundert sind die aufgenommenen Lexeme nicht besonders zahlreich. Alle diese Lexeme sind Lehnprägungen. Dieser Aspekt ist sicher von Bedeutung und bezeugt, dass die Italianismen in dieser embryonalen Phase vor allem über die Schriftsprache eindrangen. Es handelt sich um folgende Beispiele: frz. basse-danse (1480ca.), frz. florentine (1480ca.), frz. majeur parfait (1480ca.), frz. manière (1480ca.), frz. mesure (1480ca.), frz. pas double (1480ca.), frz. révérence (1480ca.), frz. simple (1480ca.). Es ist jedoch nicht verwunderlich, dass sich im 16. Jahrhundert eine ganz andere Tendenz zeigt. Der Einfluss Italiens kommt in ausgeprägter Form vor: Infolge der politischen Ereignisse (die sogenannten “Guerre d’Italia) und der dementsprechenden kulturellen Entwicklungen der italienischen Renaissance897, ist der Austausch auf sprachlicher Ebene bedeutsamer und die Verbreitung der Italianismen qualitativ größer. Weiterhin verdichten sich die italienischen Textzeugnisse und die damit verbundenen Technizismen ab der Mitte des Cinquecentos. Der Tanz erlebte eine besondere Blüte, ein Aspekt, der sich auf die Übernahme der meisten Italianismen auswirkt. Es zeigen sich vor allem mündliche 896 Frz. battre la cabriole, friser la cabriole. Für weitere Vertiefungen vgl. → frz. cabriole. 897 Die Strahlkraft Italiens ist hier evident. Für weitere historische Vertiefungen vgl. § 1.3. 398 Übertragungswege, die durch die Art der Entlehnung bestätigt werden: Es geht dabei nahezu ausschließlich um Lehnwörter, die einer phono-morphologischen Anpassung an die französische Sprache unterworfen werden. Wie bereits angedeutet, ist die Integration nur selten integrale: Auf vokalischer Ebene ist die Erhaltung von a in offener Silbe (lat. A[ > it. a vs fr. e [ɛ]; vgl. § 5.1) ein typisches Merkmal des Italienischen, das wir kanonisch in den Substantiven mit dem angehängten Suffix -ade finden (vgl. frz. escouade, frz. estocade, frz. gambade, frz. mascarade, frz. retirade). Der mündliche Transfer erfolgt mittels des häufigen Aufenthalts sowie der Ansiedlung italienischer Tanzmeister am französischen Hof (beispielhaft sind die Fälle von Cesare Negri, Lutio Compasso, Baldassare von Belgioioso und Angelo Tuccaro)898. Hier die entsprechenden Lexeme: frz. air1 (1589), frz. amouracher (1599), frz. attitude (1599), frz. bal (1589), frz. ballet (1582), frz. banquet (1589), frz. bastion (1589), frz. bouffon (1571), frz. bouffonnerie (1599), frz. cabriole (vor dem 1555), frz. cabrioler (1585), frz. cadence (1560-90ca.), frz. contenance (1589), frz. course (1599), frz. entrechat (1599), frz. escadron (1589), frz. escouade (1589), frz. esquiver (1599), frz. estocade (1589), frz. estropié (1599), frz. favori (1560-90ca.), frz. feinte (1589), frz. festin (1582), frz. figure (1589), frz. fleuret (vor dem 1555), frz. fleurette (1560- 90ca.), frz. gambade (ante 1555), frz. gambes-rottes (ante 1555), frz. gentillesse (1599), frz. intermède (1582), frz. intervalle (1599), frz. manquement (1599), frz. manquer (1599), frz. mascarade (1582), frz. matassin (1589), frz. mutance (vor dem 1555), frz. paduane (1547), frz. passage (1589), frz. passemèse (1571), frz. pavane (1531), frz. portement (1589), frz. posture (1599), frz. reprise (1532- 1533ca.), frz. retirade (1560-1590ca.), frz. revers (1589), frz. romanesque (1589), frz. saltarin (1599), frz. saltarine (1599), frz. sauter (1589), frz. soldat (1589), frz. villanesque (1553), frz. virevolte (1599), frz. volte1 (vor dem 1555), frz. volte2 (1560-90ca.), frz. volter (1599), frz. voltiger (1599). Im 17. Jahrhundert ist die Rezeption und Verbreitung der koreischen Werke drastisch vermindert. Neben den internen historischen Entwicklungen Italiens (es verliert schrittweise seine leader Funktion für den kulturellen Fortschritt in den meisten Lebensbereichen) spielen auch die in Frankreich stattgefundene Institutionalisierung des Tanzes eine Rolle: Im Jahr 1661 wurde die Académie royale de 898 Unter diesem Aspekt vgl. § 3.2.2. 399 danse durch den Willen Ludwig XIV. gegründet. Schriftliche und mündliche Übertragungswege zeichnen diese letzte Phase der Italianismen aus. Zu dieser Zeit findet auch die Resemantisierung statt, ein Phänomen, das den italienischen Einfluss nachhaltig macht. Dies gilt insbesondere für die noch heute angewandten Lexeme des modernen Balletts (vgl. § 5.6). Die Anzahl der im 17. Jahrhundert entlehnten Wörter ist geringer und weniger ergiebig: frz. air2 (1623), frz. cavalier (1623), frz. charlatan (1682), frz. compliment (1623), frz. contretemps (1641), frz. demi-cabriole (1623), frz. grotesque (1641), frz. improviste (1641), frz. pédant (1623), frz. postiche (1641), frz. saltimbanque (1682), frz. villanelle (1604).
Link zu diesem Datensatz: urn:nbn:de:bsz:291--ds-396641
hdl:20.500.11880/35745
http://dx.doi.org/10.22028/D291-39664
Erstgutachter: Schweickard, Wolfgang
Tag der mündlichen Prüfung: 1-Feb-2021
Datum des Eintrags: 4-Mai-2023
Fakultät: P - Philosophische Fakultät
Fachrichtung: P - Romanistik
Professur: P - Prof. Dr. Wolfgang Schweickard
Sammlung:SciDok - Der Wissenschaftsserver der Universität des Saarlandes



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